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     Erklärung zu Davids sekundenschnelle Geschichte

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   5.11.13 21:12
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Teil 2 Überreste

David spülte ab. Schloss den Deckel.

"Ach halt.", dachte sich David. Er öffnete den Toilettendeckel - abermals. Im Strudel versanken die letzten Überreste entstanden durch Davids Entleerung. "Nichts dreckig.". David schloss den Deckel. Der Spülkasten füllte sich und machte seine üblichen Töne. "Nervig." David, schaute in den Spiegel. Er war kein Kind des frühen Morgens.

Seine kurzen schwarzen Haare schauten in alle Richtungen. Seit 7 Wochen war er nicht mehr beim Friseur. Mit der Rechten bildete er einen leichten Scheitel und versuchte aus dem Schlamassel das Beste herauszuholen.

"Egal. Schaut heute eh keiner hin. Und besser schafft's der Stylist auch nicht.". Er musterte sein von der Nacht gezeichnetes Gesicht. Augenringe, die Nächte waren hart. Der nervige Nachbar von oben, versteht einfach nicht, dass es auf der Fernbedienung für den Fernseher auch ein leiser gibt. Man konnte dem Herren aber nichts vorwerfen. Schließlich werden in den Elektrofachgeschäften die Lautsprechersysteme auch nicht mit ihrer "Leisigkeit" angepriesen. "NUR JETZT: Der Saidung der soo leise ist, dass sich selbst ihr Nachbar nicht mehr beschwert!", oder "Die neue Fernbedienung! JETZT NUR FÜR KURZE ZEIT AUCH OHNE LAUTER-TASTE!"

Solche Slogans die zur Verbesserung der Kommunikation in der direkten Umgebung beitragen gbt es so wohl nicht. Vielleicht sollte er seinem Chef mal solche Texte unter die Nase halten wenn er David das nächste mal wieder anscheißt: "Wie sehen Sie denn aus? Mann könnte meinen, dass aus dem Fischmarkt der Geruch ausgebrochen ist! Und jetzt zacki zacki! Saidung braucht für ihren neuen Fernsehspot nen ausgefallenen W.S.!!"

Ein neuer W.S.. Sein Chef kürzte gerne Wörter ab. W.S.. Natürlich meinte Harold mit W.S. Werbeslogan. Für David war es eher ein Kürzel für Wichs-Scheiß. Er mochte seinen Job, keine Frage. Aber er mochte Harold nicht. Er mochte seinen Arbeitsplatz nicht. Er mochte die Werbebranche nicht. Er mochte Texte nicht. Nicht mehr. Früher schon. Er wollte Journalist werden. So weit hatte er es bisher nicht geschafft. Und sein Ziel schien sich von Tag zu Tag immer mehr von David zu entfernen.

David war aber Texter. Eine beständige Medienagentur, die schon in der 5. Generationen am Markt war und auch schon allerlei Großkunden an Land gezogen hatte, wie z.B. Saidung und Najik, hatte seine Bewerbung zum Journalisten angenommen und ihm direkt zu einem Vertragsgespräch geladen. Seine Bewerbung hatte damals wohl wie eine Bombe einschlagen müssen.

 "Leider können wir Ihnen zu diesem Moment nur einen Praktikantenjob anbieten. Vier Wochen, 650€." David sah Harold, der damals im Vertragsgespräch vor ihm saß, mit verwunderten Augen an. "650€? Aber meine Miete alleine kostet doch schon 520€. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin sehr froh dass Sie...", Harold unterbrach sofort und beendete Davids Satz. "Dass wir Sie überhaupt angenommen haben. In unserer Gemeinschaft fängt jeder klein an. Sie wollen ...", der Chef durchstöberte ohne große Aufmerksamkeit Davids Bewerbungsmappe. "... Journalismus studieren. Ich habe doch sogar ein Abitur.", ergänzte David den vermeintlichen Gesprächsleiter. Harold knallte die Mappe auf den Tisch. "Mit einem Notendurchschnitt von 3,1. Ein Abitur ist Voraussetzung!! Sie haben wohl keine Vorstellung davon, wie gefragt dieser Posten ist." Harold stand auf und drehte sich zur riesigen Scheibenfront hinter seinem Schreibtisch. Ein majestätischer Ausblick auf die Skyline Berlins. "Verstehen SIE mich nicht falsch. Meine ... UNSERE Firma gibt jedem kreativen Kopf eine Chance. Besonders den Köpfen der Puschlak-Familie. Das ist doch auch nur ein befristetes Angebot. Wir wollen Sie erst ein Mal kennen lernen und vielleicht gefällt es Ihnen bei UNS gar nicht. Nehmen sie sich auch für diesen Gedanken Zeit. Auch ihr Vater hatte klein angefangen. Denken Sie tatsächlich ich würde den JUNIOR eines alten Freunden und Kollegen im Stich lassen? Gott hab ihn selig. Ich verdanke Ihrem Vater eine Menge. Ohne ihn hätten wir einige Anzeigen gar nicht schalten können."

Sein Vater besaß vor seinem Tod eine Zeitungsfirma. TheNewBerliner.

Kurz vor seinem Ableben ging die Firma pleite. Keine Aufträge mehr. Veraltetes Berichtswessen. Keine Aktuellen Schlagzeilen. Autoren sprangen ab. Sie wurden einfach nicht gut genug bezahlt. Die alte Berta, eine Zeitungspresse, war ein altes Erbstück der Familie und gab mit der Zeit auch ihren Geist auf. Wenn David als kleiner Junge vor dieser riesigen lauten Maschine stand, mit ihren glänzenden Rohren, den mächtigen Druckwalzen, den polierten Ableseeinheiten, dann hatte David Jr. immer eine Menge Respekt. "Aber, dieses Monster ist zu bändigen." hörte er seinen Vater zu ihm flüstern. "Schreib etwas auf und leg es in die Maschine. Sie liebt Worte. Sie wird alles drucken und tun was du von ihr verlangst, solange du stets die richtigen Worte nutzt, und die alte Berta pflegst."

Wäre diese Maschine nicht kaputt gegangen, dann hätte diese Firma wohl überlebt. Die alte Berta.

"...Aber auch SIE brauchen ein Fundament, eine Basis! Dieses Gebäude fängt im Keller an und hört hier oben auf. Sie dürfen nun entscheiden. Wollen Sie HINTER den Schreibtischen der USIM Platz nehmen,...", Harold machte eine kurze Pause um wieder zu Atem zu kommen. Seine Rede glich der Choreografie eines Dirigenten der kurz vor dem Ende des Hauptaktes war. Die Instrumente verstummten um dann mit einem leichten Surren der zweiten Geige, Harold drehte sich nun wieder zu David, "oder VOR unserem Gebäude sitzen." Die Vorstellung war zu Ende.

David saß für den selbstverliebten Chef wie auf einem Präsentierteller hinter dem riesigen Kirschbaumschreibtisch. Er nahm auf einem klapprigen Klappstuhl Platz der wohl auch nur zu diesem Zwecke in den Raum gerückt wurde. Der Stuhl passte nämlich ganz und gar nicht zum hochwertigen Interieur des Chefs. 

"... oder VOR unserem Gebäude ..."

Davids Nacken versank in seinen Schultern. Er dachte an den Obdachlosen der vor dem Wolkenkratzer von UnitedSlogans & InterMedia saß und David um ein paar Cents bat, als er zum Vertragsgespräch lief.

Ob Harold diesen Obdachlosen extra engagiert hatte, damit David nun dieses schmerzliche Gefühl erlitt? Dieses Gefühl der Angst. Der Angst vor dem Absturz? Der Angst des Versagens? Der Angst in keine Gemeinschaft zu gelangen und ausgeschlossen zu werden? Der Angst ALLEINE zu bleiben.

David blickte an Harold vorbei, der sich zwar mit dem linken Arm auf seinem imperatorischen Schreibtisch auflehnte, ihm aber die rechte Hand zum Einschlagen reichte.

David verfolgte mit seinem Blick einen großen Greifvogel der nur wenige Meter vor dem Gebäude seine Flügel ausbreitete und gen Süden flog. War dieser Vogel auch engagiert?

Harold hatte ihm am Haken. Das Publikum applaudierte dem Dirigenten. David willigte mit einem kräftigen Handschlag und einem strahlendem Gesicht ein.

"Wo kriege ich so einen Schreibtisch her!"

David genoss diesen wundervollen Moment. Er hatte einen Arbeitsvertrag mit der national bedeutendsten Werbefirma Deutschlands eingewilligt! Und das auch noch mit spontanem Humor. Heute war sein Glückstag. Seine Hand fühlte sich nun stark in Harolds an. Kein Schweiß, Keine Nervosität. Sie schüttelten sich kurz die Hände.

"HA HA HA! WUNDERVOLL! WUNDERVOLL! Sehen Sie, deswegen will ich Sie. Sie haben Humor und sind kreativ. Das habe ich gleich gesehen als ich Ihre Mappe in der Hand hielt". Diese lag immer noch auf dem Schreibtisch. Harold zog die Hand rasch zurück. Sie war ihm zu schwitzig.

"Melden Sie sich morgen bei meiner Sekretärin. Laura. Sie macht heute alles fertig und morgen können Sie dann unterschreiben. Das ist ein wundervoller Tag!" Harold wischte sich denn Schweiß am rechten Hosenbein ab  und ließ sich entspannt in seinem Sessel nieder. Er öffnete eine kleine Seitentür am Schreibtisch und entnahm ihm eine kleine hölzerne Kassette die mit wundervollen Schnitzereien verziert war. Die Farbe der Kassette sowie die Schnitzereien passten genauestens zum Schreibtisch. Es lag nun ein Geruch von Zigarren in der Luft. Harold öffnete das Holzkästchen und nahm sich eine große braune Zigarre mit schwarzem Etikett. "Bouviér Diamonds". Eine starke französische Marke.

Davids Vater hatte die früher auch geraucht. Jedoch nur zu festlichen Anlässen. Seine letzte rauchte er mit David zusammen als er sein Abitur in der Hand hielt. David durfte davon ziehen. Er musste stark husten und kriegte sich für 15 Minuten nicht mehr ein. Sie schmeckten grässlich.  Er war auch kein Raucher gewesen. "So schmeckt die Arbeitswelt Junior! Gewöhn dich dran. Sein Vater klopfte ihm auf den Rücken und lachte laut. Auch David musste obwohl er so stark hustete, lachen. Hörte sich an wie das Abwürgen eines alten Trabbis.

Davids Vater hingegen hatte damals täglich 3 Schachteln geraucht. Der Rauch gehörte praktisch schon zu seinem Körper.

Am Tag nach dem Abitur von David, verstarb er.

"Ist zu lange her!" und David beendete die Musterung mit dem Ausschalten des Lichts im Badezimmer.

 Es war dunkel um ihn geworden.

 

7.11.13 10:25
 
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