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     Davids sekundenschnelle Geschichte

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     Erklärung zu Davids sekundenschnelle Geschichte

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   5.11.13 21:12
    Ich lasse dir ein kleine






Teil 1 Erste Zeilen

Das Radio spielt seinen Lieblingssender. Er hört Musik die er nicht kennt. Die vielen Gitarrenriffs, das Bass dominierende Schlagzeug, diese quietschige Englisch singende Stimme und jetzt das abrupte Ende in der Mitte des Titels durch die Moderatoren, lassen David keinen klaren Gedanken halten - denken - greifen ... . Er kann sich nicht konzentrieren. Aber er muss doch  diese Worte tippen - und dabei Musik hören. Vielleicht kommt ja noch was interessantes in den Nachrichten.

Er steht auf und macht ein paar Schritte von der Couch zum Highboard auf dem das Radio steht. Es sind acht. Acht Schritte von der Couch zum Highboard. Kurz Inne halten.

Er macht das Radio aus. Zuviele Stimmen und Geräusche im gleichen Moment. Wieder die Schritte zurück. Diesmal sind es nur sieben Schritte. Wurde sein Wohnzimmer jetzt kürzer? Komisch. Er setzte sich wieder auf seine Couch. Aah. Gemütlichkeit. Er hält ein zweites Mal Inne. Ruhe.

Jetzt ist da nur noch das Brummen des Kühlschranks der in der Küche steht. Die Tür zur Küche steht offen und David kann, wenn er auf der Couch sitzt direkt hinein auf den Kühlschrank und die Küchenzeile blicken.

Und da ist noch mehr. Der Wecker. Er tickt. Jede Sekunde. Vorallem ist das Geräusch des Tickens nervend. Es ist ein kleiner Quarzwecker der, wie es David scheint, bei jedem Ticken anders klingt. Vielleicht möchte der Wecker Davids Aufmerksamkeit? Er hat sie. David denkt jetzt nicht nur an das nervende Ticken, sondern auch daran, das jede Sekunde verstreicht. Jede Sekunde die er braucht um eben diese wichtigen Worte ins Laptop zu tippen. Auch wenn diese Worte sehr wichtig für den kleinen Mann sind, weiß er dass er etwas zu erledigen hat, was eigentlich noch viel wichtiger ist. Er verzweifelt langsam an seiner irren Fähigkeit.

Er kann alles aufnehmen was um ihn herum passiert. Jetzt werden die meisten denken:"Ja das kann ich doch auch? Ich höre doch auch den Quarzwecker und den Kühlschrank." Doch David hört nicht nur mehr, gleichzeitig fühlt er mehr, er schmeckt mehr und riecht mehr als es andere Menschen tun. 

Hier der Beweis.

In dieser Sekunde merkt David folgendes: Er fühlt seinen leeren Magen. Wie er grummelt und sticht, er schmeckt etwas metallisches auf der Zunge. Blut ist es nicht, Undeffinierbar. Weiter im Text. Und die kleinen Reste der Mini-Muffins vom Supermarkt die er sich zum Frühstück gegönnt hat.

Er schmeckt den kalten Dampf der Zigarette die er vor 10 Minuten auf dem Balkon geraucht hat. Mit dem Rauchen hatte erst vor Kurzem angefangen. Er fühlte sich seinem Vater dadurch mehr verbunden.

Ihm ist kalt. Deswegen trägt David ein T-Shirt, darüber ein Hemd und darüber noch einen schwarzen Kapuzenpullover. Er kann das T-Shirt auf der nackten Haut spüren, der Pullover kratzt ein wenig am Unterarm. Seine Armbanduhr hängt an ein paar feinen Härchen auf seinem Handgelenk. Sie zwickt etwas. Ein kurzer Ruck. Die Härchen sind ab, hängen nun zwischen den Gelenken der Armbanduhr. Vaters Armbanduhr. Sie zwickte auch ihn immer.

Das Zwicken hat ein Ende. Die Fingerkuppen fühlen sich etwas dumpf und taub an. Numpf

Die Kapuze seines Pullovers streichelt ihm die Haare im Nacken. 

David denkt nach: Konnten diese ganzen Dinge, sein Pullover, die Armbanduhr, sein Shirt, der Quarzwecker, das Radio, der Kühlschrank, der Fernseher und sein Laptop eine Art eigenes Bewusstsein erlangen. Oder eher die Möglichkeit selbstständig zu handeln? Er notiert direkt etwas auf das Blatt. "ERSTENS: KANN ALLES HANDELN UND/ODER EIN BEWUSSTSEIN ENTWICKELN?"

Der Wecker tickt.

Ein weiteres Geräusch: Der Nachbar von oben hat wohl Wäsche auf den Boden fallen lassen. Er konnte ein sanftes, dennoch abruptes Geräusch feststellen das eindeutig von oben kam. Definitiv aber nicht aus Schuhen, Stiefeln, einer Tür, einem Getier, oder Möbelrücken hervor geht. Er schließt daraus, dass es Wäsche sein musste oder ein Teppich. Aber der wäre lauter. Nicht ganz so sanft. 

Der Wecker tickt.

Er blickt nach links aus seinem Balkonfenster. Er blickt auf das Geäst eines circa acht Stockwercke hohen Baumes. Er weiß nicht genau was für eine Art Baum das war, Jedoch war es ein starker Baum. Er hält fiel aus. Davids Gedanken gehen ins Tausenndstel. Oft verirren sich Tauben und Krähen in den Baum. Die Tauben hatten im Sommer dort ein Nest. Im Herbst verließen sie ihr zu Hause. Vielleicht wurde es ihnen zu kalt und sie zogen weiter. Oder aber es war die Schuld der Krähen. Die Krähen kommen in Schaaren um in seinem Blatt- und Astwerk zu rasten. Womöglich hat ihr dominantes und aggressives Verhalten die junge Taubenfamile vertrieben. Dieses Gefühl kennt er. Von der dominanteren Spezies vertrieben werden. Darüber könnte er auch schreiben. David notiert ein Thema auf das extra Blatt Papier: "ZWEITENS: VERTREIBUNG DURCH DOMINANTE SPEZIES"

{PLACE_IMAGE(Davids erste Zeilen.jpg)}

Ein neues Geräusch. Das Summen des Fernsehers. Er ist auf Standby.

Nachrichten. David wollte doch was von den Nachrichten mitkriegen, damit er etwas ins Laptop schreiben kann. Die Finger werden schwitzig. Kalter Schweiß. Er verspürt das Verlangen auf Toilette zu müssen. Zunächst muss er nur ... David analysiert schnellstens sein körperliches Verlangen ... ja er muss Wasser lassen. Aber dieses leichte heiße Ziehen an der Hinterpforte verlangt wohl nach einer gründlicheren Gefühlsanalyse. Könnte sein, dass er nur einen Pups lassen muss. 

Der Wecker tickt.

Eine Sekunde scheint vorbei zu sein. Eine gewisse Zeit auf jeden Fall. David muss zur Toilette. Das Verlangen danach wird immer größer. jetzt ist es ihm auch egal ob er nur Wasser lassen muss oder auch einen Pups oder mehr lässt.

Wohin mit diesen Gedanken und Gefühlen? Er muss endlich was aufs Papier bringen.

Aber erstmal bringt er jetzt was zur Toilette.

Der Wecker tickt.

Seis drum. Die Finger sind nun auch sehr kalt geworden. Fast wie bei einer Leiche. Auch wenn er gar nicht wusste wie sich eine eiskalte Leiche anfühlte, er hatte doch noch nie einer die Hand gehalten. Er war sich aber ziemlich sicher, dass sich das ungefähr so anfühlen könnte. 

{PLACE_IMAGE(Davids hoher Baum.jpg)}

5.11.13 11:26


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Teil 2 Überreste

David spülte ab. Schloss den Deckel.

"Ach halt.", dachte sich David. Er öffnete den Toilettendeckel - abermals. Im Strudel versanken die letzten Überreste entstanden durch Davids Entleerung. "Nichts dreckig.". David schloss den Deckel. Der Spülkasten füllte sich und machte seine üblichen Töne. "Nervig." David, schaute in den Spiegel. Er war kein Kind des frühen Morgens.

Seine kurzen schwarzen Haare schauten in alle Richtungen. Seit 7 Wochen war er nicht mehr beim Friseur. Mit der Rechten bildete er einen leichten Scheitel und versuchte aus dem Schlamassel das Beste herauszuholen.

"Egal. Schaut heute eh keiner hin. Und besser schafft's der Stylist auch nicht.". Er musterte sein von der Nacht gezeichnetes Gesicht. Augenringe, die Nächte waren hart. Der nervige Nachbar von oben, versteht einfach nicht, dass es auf der Fernbedienung für den Fernseher auch ein leiser gibt. Man konnte dem Herren aber nichts vorwerfen. Schließlich werden in den Elektrofachgeschäften die Lautsprechersysteme auch nicht mit ihrer "Leisigkeit" angepriesen. "NUR JETZT: Der Saidung der soo leise ist, dass sich selbst ihr Nachbar nicht mehr beschwert!", oder "Die neue Fernbedienung! JETZT NUR FÜR KURZE ZEIT AUCH OHNE LAUTER-TASTE!"

Solche Slogans die zur Verbesserung der Kommunikation in der direkten Umgebung beitragen gbt es so wohl nicht. Vielleicht sollte er seinem Chef mal solche Texte unter die Nase halten wenn er David das nächste mal wieder anscheißt: "Wie sehen Sie denn aus? Mann könnte meinen, dass aus dem Fischmarkt der Geruch ausgebrochen ist! Und jetzt zacki zacki! Saidung braucht für ihren neuen Fernsehspot nen ausgefallenen W.S.!!"

Ein neuer W.S.. Sein Chef kürzte gerne Wörter ab. W.S.. Natürlich meinte Harold mit W.S. Werbeslogan. Für David war es eher ein Kürzel für Wichs-Scheiß. Er mochte seinen Job, keine Frage. Aber er mochte Harold nicht. Er mochte seinen Arbeitsplatz nicht. Er mochte die Werbebranche nicht. Er mochte Texte nicht. Nicht mehr. Früher schon. Er wollte Journalist werden. So weit hatte er es bisher nicht geschafft. Und sein Ziel schien sich von Tag zu Tag immer mehr von David zu entfernen.

David war aber Texter. Eine beständige Medienagentur, die schon in der 5. Generationen am Markt war und auch schon allerlei Großkunden an Land gezogen hatte, wie z.B. Saidung und Najik, hatte seine Bewerbung zum Journalisten angenommen und ihm direkt zu einem Vertragsgespräch geladen. Seine Bewerbung hatte damals wohl wie eine Bombe einschlagen müssen.

 "Leider können wir Ihnen zu diesem Moment nur einen Praktikantenjob anbieten. Vier Wochen, 650€." David sah Harold, der damals im Vertragsgespräch vor ihm saß, mit verwunderten Augen an. "650€? Aber meine Miete alleine kostet doch schon 520€. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin sehr froh dass Sie...", Harold unterbrach sofort und beendete Davids Satz. "Dass wir Sie überhaupt angenommen haben. In unserer Gemeinschaft fängt jeder klein an. Sie wollen ...", der Chef durchstöberte ohne große Aufmerksamkeit Davids Bewerbungsmappe. "... Journalismus studieren. Ich habe doch sogar ein Abitur.", ergänzte David den vermeintlichen Gesprächsleiter. Harold knallte die Mappe auf den Tisch. "Mit einem Notendurchschnitt von 3,1. Ein Abitur ist Voraussetzung!! Sie haben wohl keine Vorstellung davon, wie gefragt dieser Posten ist." Harold stand auf und drehte sich zur riesigen Scheibenfront hinter seinem Schreibtisch. Ein majestätischer Ausblick auf die Skyline Berlins. "Verstehen SIE mich nicht falsch. Meine ... UNSERE Firma gibt jedem kreativen Kopf eine Chance. Besonders den Köpfen der Puschlak-Familie. Das ist doch auch nur ein befristetes Angebot. Wir wollen Sie erst ein Mal kennen lernen und vielleicht gefällt es Ihnen bei UNS gar nicht. Nehmen sie sich auch für diesen Gedanken Zeit. Auch ihr Vater hatte klein angefangen. Denken Sie tatsächlich ich würde den JUNIOR eines alten Freunden und Kollegen im Stich lassen? Gott hab ihn selig. Ich verdanke Ihrem Vater eine Menge. Ohne ihn hätten wir einige Anzeigen gar nicht schalten können."

Sein Vater besaß vor seinem Tod eine Zeitungsfirma. TheNewBerliner.

Kurz vor seinem Ableben ging die Firma pleite. Keine Aufträge mehr. Veraltetes Berichtswessen. Keine Aktuellen Schlagzeilen. Autoren sprangen ab. Sie wurden einfach nicht gut genug bezahlt. Die alte Berta, eine Zeitungspresse, war ein altes Erbstück der Familie und gab mit der Zeit auch ihren Geist auf. Wenn David als kleiner Junge vor dieser riesigen lauten Maschine stand, mit ihren glänzenden Rohren, den mächtigen Druckwalzen, den polierten Ableseeinheiten, dann hatte David Jr. immer eine Menge Respekt. "Aber, dieses Monster ist zu bändigen." hörte er seinen Vater zu ihm flüstern. "Schreib etwas auf und leg es in die Maschine. Sie liebt Worte. Sie wird alles drucken und tun was du von ihr verlangst, solange du stets die richtigen Worte nutzt, und die alte Berta pflegst."

Wäre diese Maschine nicht kaputt gegangen, dann hätte diese Firma wohl überlebt. Die alte Berta.

"...Aber auch SIE brauchen ein Fundament, eine Basis! Dieses Gebäude fängt im Keller an und hört hier oben auf. Sie dürfen nun entscheiden. Wollen Sie HINTER den Schreibtischen der USIM Platz nehmen,...", Harold machte eine kurze Pause um wieder zu Atem zu kommen. Seine Rede glich der Choreografie eines Dirigenten der kurz vor dem Ende des Hauptaktes war. Die Instrumente verstummten um dann mit einem leichten Surren der zweiten Geige, Harold drehte sich nun wieder zu David, "oder VOR unserem Gebäude sitzen." Die Vorstellung war zu Ende.

David saß für den selbstverliebten Chef wie auf einem Präsentierteller hinter dem riesigen Kirschbaumschreibtisch. Er nahm auf einem klapprigen Klappstuhl Platz der wohl auch nur zu diesem Zwecke in den Raum gerückt wurde. Der Stuhl passte nämlich ganz und gar nicht zum hochwertigen Interieur des Chefs. 

"... oder VOR unserem Gebäude ..."

Davids Nacken versank in seinen Schultern. Er dachte an den Obdachlosen der vor dem Wolkenkratzer von UnitedSlogans & InterMedia saß und David um ein paar Cents bat, als er zum Vertragsgespräch lief.

Ob Harold diesen Obdachlosen extra engagiert hatte, damit David nun dieses schmerzliche Gefühl erlitt? Dieses Gefühl der Angst. Der Angst vor dem Absturz? Der Angst des Versagens? Der Angst in keine Gemeinschaft zu gelangen und ausgeschlossen zu werden? Der Angst ALLEINE zu bleiben.

David blickte an Harold vorbei, der sich zwar mit dem linken Arm auf seinem imperatorischen Schreibtisch auflehnte, ihm aber die rechte Hand zum Einschlagen reichte.

David verfolgte mit seinem Blick einen großen Greifvogel der nur wenige Meter vor dem Gebäude seine Flügel ausbreitete und gen Süden flog. War dieser Vogel auch engagiert?

Harold hatte ihm am Haken. Das Publikum applaudierte dem Dirigenten. David willigte mit einem kräftigen Handschlag und einem strahlendem Gesicht ein.

"Wo kriege ich so einen Schreibtisch her!"

David genoss diesen wundervollen Moment. Er hatte einen Arbeitsvertrag mit der national bedeutendsten Werbefirma Deutschlands eingewilligt! Und das auch noch mit spontanem Humor. Heute war sein Glückstag. Seine Hand fühlte sich nun stark in Harolds an. Kein Schweiß, Keine Nervosität. Sie schüttelten sich kurz die Hände.

"HA HA HA! WUNDERVOLL! WUNDERVOLL! Sehen Sie, deswegen will ich Sie. Sie haben Humor und sind kreativ. Das habe ich gleich gesehen als ich Ihre Mappe in der Hand hielt". Diese lag immer noch auf dem Schreibtisch. Harold zog die Hand rasch zurück. Sie war ihm zu schwitzig.

"Melden Sie sich morgen bei meiner Sekretärin. Laura. Sie macht heute alles fertig und morgen können Sie dann unterschreiben. Das ist ein wundervoller Tag!" Harold wischte sich denn Schweiß am rechten Hosenbein ab  und ließ sich entspannt in seinem Sessel nieder. Er öffnete eine kleine Seitentür am Schreibtisch und entnahm ihm eine kleine hölzerne Kassette die mit wundervollen Schnitzereien verziert war. Die Farbe der Kassette sowie die Schnitzereien passten genauestens zum Schreibtisch. Es lag nun ein Geruch von Zigarren in der Luft. Harold öffnete das Holzkästchen und nahm sich eine große braune Zigarre mit schwarzem Etikett. "Bouviér Diamonds". Eine starke französische Marke.

Davids Vater hatte die früher auch geraucht. Jedoch nur zu festlichen Anlässen. Seine letzte rauchte er mit David zusammen als er sein Abitur in der Hand hielt. David durfte davon ziehen. Er musste stark husten und kriegte sich für 15 Minuten nicht mehr ein. Sie schmeckten grässlich.  Er war auch kein Raucher gewesen. "So schmeckt die Arbeitswelt Junior! Gewöhn dich dran. Sein Vater klopfte ihm auf den Rücken und lachte laut. Auch David musste obwohl er so stark hustete, lachen. Hörte sich an wie das Abwürgen eines alten Trabbis.

Davids Vater hingegen hatte damals täglich 3 Schachteln geraucht. Der Rauch gehörte praktisch schon zu seinem Körper.

Am Tag nach dem Abitur von David, verstarb er.

"Ist zu lange her!" und David beendete die Musterung mit dem Ausschalten des Lichts im Badezimmer.

 Es war dunkel um ihn geworden.

 

7.11.13 10:25


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